Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Was hat es mit den Marken auf sich, von denen ich immer wieder in den Kurzmommentaren berichte? Viele haben mich um nähere Erklärungen gebeten. Hier sind sie nun:

Ist es eigentlich notwendig, den Markt richtig zu prognostizieren, um an der Börse Gewinne zu machen? Bei meinen längerfristigen Spekulationen versuche ich dies zumindest, und in der Vergangenheit auch mit einigem Erfolg. Einschätzungen zur fundamentalen Situation, zur Liquiditätsversorgung und zur Marktstimmung sind hierfür die Basis wie ich es in meiner Anlagephilosophie beschrieben habe. Im kurzfristigen Trading habe ich bis heute hingegen kein Rezept gefunden, die Trends an den Märkten zu prognostizieren. Doch ich habe einen anderen Ansatz entdeckt, der dies auch gar nicht notwendig macht.

Börse ist Zufallsverteilung

In meiner Anlagestrategie “Entgegen der Regel” habe ich die Philosophie, auf der diese basiert, bereits beschrieben. Doch nach der Lektüre folgt natürlich unweigerlich die Frage, wie denn die Wahrscheinlichkeit für Gewinntrades zu erhöhen ist. Die Logik bestätigt die Erfahrung, die ich gemacht habe. Wer am Beispiel des von mir bisher bevorzugt gehandelten DAX irgendwo zufällig in den Markt long oder short einsteigt, und ein Limit zehn Punkte darüber bzw. darunter platziert, der wird bei einem 100 Punkte entfernt platzierten Stop-Loss langfristig betrachtet in elf Fällen zehnmal zehn Punkte gewinnen und einmal 100 Punkte verlieren. Wäre dies auf die Dauer nicht so, hätten wir ja bereits ein automatisches Tradingsystem, das sicheren Profit abwerfen würde. Denn käme es auch bei einem zufälligen Einstieg dauerhaft zu mehr als zehn Gewinntrades  à zehn Punkten auf einen 100-Punkte Verlust, dann könnte man ja einfach blind die Orders platzieren. Käme es hingegen häufiger als alle zehn Mal zu 100 Punkten Verlust, müsste man die Sache nur umdrehen und jeweils den Stop-Loss auf zehn Punkte und das jeweilige Gewinnlimit auf 100 Punkte setzen. Doch so leicht macht es uns die Börse leider nicht.

Die Wahrscheinlichkeit erhöhen

Wenn Börse Zufallsverteilung ist, dann geht es schlichtweg nur darum, die Wahrscheinlichkeit zu unseren Gunsten zu verschieben. In meinem Beispiel, basierend auf der „Entgegen der Regel“- Strategie und am Beispiel des DAX,bedeutet dies, mehr als zehn Mal zehn Punkte zu gewinnen, bevor man einmal 100 Punkte verliert. Eine Strategie habe ich bereits in Webinaren live vorgestellt. Hierbei geht es darum prozyklisch nach Entstehen einer markanten Bewegung in den Markt einzusteigen. Hierbei gilt es jedoch nicht das jeweilige Hoch oder Tief dieser Bewegung, sondern einen Rücksetzer, auch Retracement genannt, zu nutzen. Diese Strategie taugt jedoch nur für denjenigen, der  permanent vor dem Bildschirm sitzt und soll uns hier zunächst nicht beschäftigen.

Konsolidierungszonen nutzen

Ein anderer Weg ist der, über den ich in den Kurzkommentaren in diesem Blog immer wieder berichte. Dabei geht es darum, Kurslevels zu sondieren, in denen die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt zunächst inne hält und eine Gegenbewegung macht, höher ist, als üblich. Hierzu nutze ich gewisse Kurslevels, die sich in den Tagen oder auch Wochen zuvor als Widerstand oder Unterstützung gezeigt haben. Die Methode ist relativ simpel. Hat der DAX ein neues Hoch in einem Aufwärtstrend erreicht und dann jedoch einen Rücksetzen von zum Beispiel 80 Punkten gemacht, dann ist das vorherige Hoch, der entsprechende Widerstand. Umgekehrt ist es mit den Tiefs. Hat der DAX ein in einem Abwärtstrend ein Tief erreicht, sich dann wieder erholt und fällt nun erneut zurück, dann ist das alte Tief die Unterstützungsmarke. Die jeweiligen Trends können dabei durchaus auch nur ein paar Tage dauern.

Overnight-Gap-Closings nutzen

Der DAX hat die Tendenz, sogenannte Overnight-Gaps irgendwann zu schließen. Diese bieten daher einen gewissen Anziehungspunkt. Ein Overnight-Gap entsteht immer dann, wenn der Markt um 8:00 Uhr über oder unter dem Vortagesschluss um 22:00 Uhr eröffnet. Meistens schließt er dieses dann relativ schnell, indem er den Schlusskurs des Vortages wieder erreicht. Doch nicht immer ist das leider so, ansonsten gäbe es auch hier ein sicheres Trading-System, was es bekanntlich aber nicht geben kann. Manchmal bleiben Gaps auch für immer offen, oft jedoch nicht. In der Aufwärtsbewegung seit März 2009 hat er beispielsweise nur ein einziges offen gelassen. Doch das braucht in diesem Zusammenhang gar nicht zu interessieren, da es nicht darum geht, auf diese „Closings“ zu spekulieren. Die Bereiche in denen der DAX ein Gap schließt sind oft aber ebenfalls Zonen, in denen er länger hin und her schwankt und nicht einfach durchläuft. Insofern können auch diese als Unterstützungs- oder Widerstands-Marken genutzt werden.

Die richtige Order platzieren

Ist eine Widerstands- oder Unterstützungsmarke sondiert, können entsprechende Orders platziert werden. Auf der oberen Widerstandsmarke oder ein bis zwei Punkte tiefer ist eine Limit-Verkaufsorder zu platzieren. Mit dieser ist eine “if-done – one cancel the other (OCO)”- Order zu verknüpfen. Bei dieser Order handelt es sich um einen Auftrag, der zwei Aufträge enthält und der erst aktiv wird, wenn die eigentliche Order – also unsere Limit-Order – ausgeführt ist. Wird die order aktiviert und einer der beiden Aufträge ausgeführt, cancelt bzw. storniert er automatisch den anderen Auftrag. Haben wir von unserem Beispiel ausgehend im DAX einen Widerstand bei 7.210 ausgemacht, hier verkauft und eine Shortposition eröffnet, muss nun eine Limit-Kauf-Order auf der 7.200 und eine Stop-Loss-Kauf-Order auf der 7.310 aktiviert werden. Prallt der DAX wie erhofft irgendwo im Bereich von 7.210 Punkten ab und fällt auf 7.200 zurück, wird die Limit-Order ausgeführt und zehn Punkte sind gewonnen. Durch die Ausführung wurde die Stop-Loss-Order dann einfach gecancelt (one cancel he other). Funktioniert der Trade nicht und der DAX steigt auf die 7.310 bevor er noch einmal die 7.200 erreicht, wird die Position mit 100 Punkten Verlust ausgestoppt. Auch hier storniert die Ausführung dann die Limit-Order. Wer viel vor dem Bildschirm sitzt, der kann dies natürlich auch manuell machen.

Eröffnet man hingegen eine Long-Position auf der Unterstützung oder ein bis zwei Punkte darüber, dann muss entsprechend zehn Punkte darüber eine Limit-Verkaufsorder und 100 Punkte darunter die Stop-Loss-Verkaufs-Order platziert werden. Auch hier storniert die Ausführung der einen, die Ausführung der anderen Order.

Im DAX mit zehn und 100 Punkten als Gewinn-Limit und Stop-Loss zu arbeiten, hat keine besondere Bewandtnis. Ich habe damit so angefangen, wahrscheinlich weil es gerade Zahlen sind. Da es bisher gut funktioniert, habe ich es beibehalten, jedoch nie „back-getestet“, ob andere Abstände noch besser wären. Das wäre eine Aufgabe für die Zukunft. Was den Stop-Loss betrifft, so kann man diesen zuweilen auch anpassen, bzw. mit weniger Verlust aus dem Markt gehen. Hier kommt es auf das Bauchgefühl an.

Grundsätzlich sollten die Orders nach Markteröffnung um 8:00 Uhr tagesgültig gegeben werden. Denn wenn der Markt ein Gap aufmacht, kann es sein, das er gewisse Marken gleich überrennt. Es ist nicht nötig den Markt ab dann permanent im Auge zu behalten.

Fazit: System-Trading versus Bauchgefühl

Ich stehe starren Trading-Systemen generell sehr skeptisch gegenüber. Natürlich ist der beschriebene Ansatz durchaus systematisch. Beim Sondieren der Einstiegsmarken wie auch des Stop-Loss spielt aber auch Instinkt und Bauchgefühl immer noch eine gewichtige Rolle. Dieses speist sich bekannter Maßen aus der Erfahrung. Ich habe diesen Ansatz irgendwann entdeckt, jedoch nie rückwärts mathematisch geprüft.

Es ist natürlich klar, dass sich die Risiken reduzieren ließen, wenn man den Markt permanent mitverfolgen würde. Kommen irgendwelche Wirtschaftszahlen oder unvorhergesehene kursrelevante Ereignisse, haben die sondierten Marken oft keine Relevanz mehr und werden so überrannt. Doch für mich würde die Börse einen großen Teil ihres Reizes verlieren, wenn sie erfordern würde, permanent in Realtime die Kurse und Nachrichten verfolgen zu müssen.

Zu guter Letzt

Die Beschreibung der Idee und das benennen von Marken in den Kurzkommentaren soll nur den Tradingansatz deutlich machen und stellt ausdrücklich keine Aufforderung dar, dies nach zu handeln.

  • Tetik

    Hallo Herr Risse,

    im Moment sind alle der Überzeugung, dass nur Aktien Schutz vor der kommenden Inflation bieten. Aus meiner Sicht wird jedoch übersehen, dass Aktien nur dann nachhaltig gut performen, wenn die Inflation sich bei 2 bis 3 Prozent einpendelt. Alles was darüber hinaus geht, ist entgegen der allgemeinen Meinung, schlecht für Aktien. Ich sehe daher die Aktienmärkte mehr und mehr auf die Stagflation der 70er Jahre zulaufen und das war keine gute Zeit für Aktienbesitzer. Am Ende der 70er und Anfang der 80er wollte bei zweistelligen Zinssätzen keiner an Aktin glauben. Heute stehen alle auf der anderen Seite und selbtsverständlich wird es auch dieses mal so enden wie es immer endet, die Blase wird platzen und auf dem Weg nach unten werden uns die Experten über tolle Kaufgelegenheiten berichten. Meiner Meinung nach wird es vor dem Ende von QE2 im Juni bereits nach unten gehen und bis Ende 2012 weiter fallen. Was denken Sie, wann der Punkt erreicht sein wird, an dem die Börsianer merken, dass die Inflation längst den Punkt überschritten hat,wo Aktien noch eine gute Anlage sind?
    Vielen Dank

    • Stefan Riße

      Grundsätzlich haben Sie mit Ihrer Beobachtung bezüglich der 70er Jahre recht. Was damals aber die Aktien hat fallen löassen, war nicht die Inflation, sondern die hohen Zinsen. Diese wird es trotz steigender Inflationsraten diesmal nach meiner Theorie aber nicht geben, weil die Welt zu abhängig von den extrem tiefen Zinsen ist. Bleibt die Realverzinsung negativ, ist das zunächst förderlich für die Aktie. Die Party wird erst endgültig vorbei sein, wenn die Inflation die Altschuklden entwertet hat, und die Notenbanken sie irgendwann massiv bekämpfen. Das dürfte aber noch dauern. Dennoch haben Sie recht in Bezug auf das Ende von QE2. Hier verweise ich einfach auf meinen aktuellen Artikel.

  • http://soleone.pblog.com/ Vincent

    Gefaellt mir sehr der Blog. Tolle Themenwahl.

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