Entmannte Griechen

Was ist eigentlich das Problem der Griechen? Die hohe Verschuldung von mittlerweile rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Oder ist es die Neuverschuldung von über zehn Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung? Glaubt man all denjenigen, die eine Umschuldung mit einem zumindest teilweisen Erlass der Schulden für unvermeidbar halten, ist es das Gemisch aus beidem. Doch mit Verlaub. Das ist Unsinn! Die Japaner sind mittlerweile mit 200 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes verschuldet und die USA verschulden sich nun schon das dritte Jahr in Folge mit rund zehn Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung.

Das Problem Griechenlands ist viel schlichter. Sie haben keine eigene Notenpresse mehr. Mit der Einführung des Euros haben alle Teilnehmerländer sich „kastrieren“ lassen und die geldpolitische Souveränität an die Europäische Zentralbank (EZB) abgetreten. Und deshalb können die Griechen zwei Dinge nicht mehr. Erstens: Die eigenen Schulden mit selbstgedrucktem Geld bezahlen. Zweitens: Die Währung abwerten, um wieder Wettbewerbsfähigkeit herzustellen. Beide Mittel setzen die Amerikaner erfolgreich ein.

Der Euro verzerrte das Zinsniveau

Hätten die Griechen noch ihre Drachme, dann würden wir uns derzeit auch nicht über eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands unterhalten müssen. Wahrscheinlich würden die Zinssätze Griechenlands steigen und auch die Inflationsrate. Selbstverständlich würde die Drachme gegenüber den anderen europäischen Währungen – insbesondere der D-Mark – massiv abwerten, doch kein Besitzer griechischer Anleihen müsste sich um die pünktliche und vollständige Rückzahlung Sorgen machen.

Die Drachme war immer eine unsolidere Währung entsprechend der griechischen Volkswirtschaft, in der Gewerkschaften und Beamte unglaubliche Privilegien besitzen und Steuerhinterziehung eher dem Standard als der Ausnahme entsprechen, wie wir mittlerweile alle durch die umfangreiche Berichterstattung wissen. Deshalb waren auch die Zinsen stets deutlich höher, als die, die für D-Mark Kredite zu zahlen waren. Der Euro importierte mit seiner Einführung dann wegen des Gewichts Deutschlands im Grunde allen die tiefen D-Mark Zinsen. Für die Griechen wie auch Spanier, Portugiesen und Irländer war dies die ultimative Einladung zum Schulden machen.

Den Königsweg gibt es nicht

Die Lösung ist nun so oder so schwer. Ein Ausscheiden Griechenlands oder anderer Peripherieländer birgt Risiken für das Finanzsystem, die keiner absehen kann, genauso wie auch das Risiko einer Umschuldung nicht abschätzbar ist. Es würde das eigentliche Problem dieser Länder aber auf einen Schlag lösen. Die andere Möglichkeit ist eine Rückführung der Verschuldung durch Sparmaßnahmen. Diese führen jedoch zu Rezession und immer höherer Arbeitslosigkeit und sind in einer Demokratie nicht durchsetzbar. Es läuft damit immer wieder auf das gleiche hinaus: Soll der Euro erhalten bleiben, wird es nur durch höhere Inflation im gesamten Euroraum möglich sein, die in den Kernländern zudem höher ausfallen müsste, als in Griechenland und den anderen Problemländern. Die angehäuften Schulden würden so entwertet, und durch die Inflationsunterschiede würde Stück für Stück wieder Wettbewerbsfähigkeit hergestellt.

Argentinien ist kein Vorbild

Viele, die für eine Umschuldung Griechenlands plädieren, argumentieren mit den guten Erfahrungen, die Argentinien damit vor einigen Jahren gemacht habe. Viele vergessen dabei, dass Argentinien in diese Lage überhaupt nur gekommen ist, weil man die eigene Währung, den Argentinischen Peso an den US-Dollar gekoppelt hatte. Argentinien passierte das Gleiche wie Griechenland durch den Euro. Die Inflationsraten blieben stets höher, als in den USA, und so verlor das Land zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit.

Erst eine Abkopplung vom Dollar brachte dann die Erlösung, aber eben auch die Notwendigkeit, die in Dollar aufgenommen Kredite umzuschulden. Eine Umschuldung allein würde Griechenland insofern nicht helfen. Wenn, müsste auch eine Wiedereinführung der Drachme folgen, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen.

  • Gilbert Hütter

    Hallo Herr Risse!

    Was glauben Sie, wie sich die Inflation im Euroraum vorallem in Deutschland/Österreich/Frankreich in den nächsten 12 Monaten entwickeln wird!?

    Und welche Szenarien halten Sie für die angeschlagenen Länder Griechenladn, Spanien, Portugal am Wahrscheinlichsten?!

    Was passiert mit den USA

    bzw,..wie wird sich das auf den Euro auswirken?!

    lg

    • Stefan Riße

      Ich denke, dass die Inflationsraten womöglich wegen der nachlassenden Konjunkturdynamik zunächst wieder etwas zurück gehen, bevor dann die nächste Welle nach oben folgt. Es sollte dann in Richtung drei vier Prozent gehen, wobei die Inflationsraten in der Euro-Peripherie wegen deren lahmender Wirtschaft tendenziell langsamer steigen sollten, als in Deutschland und den den anderen starken Euro-Ländern, was dann die Chance eröffnet Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Doch es ist ein sehr schwerer langwieriger Prozess. In den USA sehe ich eine deutlich nachlassende Konjunktur, sobald der Staat seine Defizite, wie von den Republikaner erzwungen, zurückführt. Das könnte auch hier die Inflation zunächst bremsen, bis dann QE 3 kommt. Der Euro wird tendenziell wohl eher gewinnen, weil die Politik in Europa zwar nicht restriktiv, aber restriktiver ist, als in den USA. Es hängt aber vom politischen Willen in Europa ab, wie man mit Krisen zukünftig umgeht, die sicher wieder kommen.

  • Michael Ruff

    Hallo Herr Riße,

    zwischenzeitlich äußern Finanzexperten, das die USA die INSOLVENZ vermeiden können (Punkt)!!! Das die USA tatsächlich so nahe am Abgrund stehen, wird, so meine Meinung, in der Öffentlichkeit noch immer verharmlost. Wie Sie bereits in der Vergangenheit publiziert hatten, werden die USA durch den (eigenen) Aufkauf ihrer Staatsanleihen durch die FED dieses Szenario zu verhindern wissen (natürlich wird man auch die Schuldengrenze weiter erhöhen). Aber nehmen wir für die USA mal den worst case an, eine Griechenland-Pleite wäre dann für die EU nur noch Peanuts!? Oder überschätze ich das Problem?

    • Stefan Riße

      Eine Pleite bleibt für mich ausgeschlossen. Aber inflation wird natürlich eine immer extremere Gefahr, je mehr Dollar gedruckt werden

  • machiavelli

    was wäre wenn……

    Hallo Herr Riße,
    letztendlich wird die Eurozone dafür ´bestraft´, dass sie versucht, etwas seriöser (geldpolitisch) zu sein, als die USA oder die Japaner.

    Es ist doch grotesk. Im Grunde weiß jeder, dass es so nicht weitergehen kann, aber es wird weiter gewurschtelt. The point of no return scheint für Bernanke erreicht.

    tja, was wäre wenn……man die Schulden einfach erließe. Überall. Ist doch schließlich -letzten Endes – nur virtuell. Bill Gross hat das mal als ein Szenario durchgespielt (glaube ich), mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 1%. Das hört sich infantil an, meinetwegen. Aber noch einmal: was würde passieren, wenn man also die FED usw. sagen würde: “So Kinder, das ist ja alles surreal geworden. Wir erlassen einfach die Schulden, nehmen Tippex und löschen die ganzen Zahlen mit den vielen Nullen, kann sich ja eh keiner was darunter vorstellen”. Man würde sagen, dass man es jetzt wieder ´vernünftig´ machen würde. Gut, dass wird nicht eintreten. Aber was wäre wenn…………es würde ein Aufschrei geben, der Dollar würde fallen, das Vertrauen wäre weg. Aber ist es das nicht schon alles……….
    ich meine die provokante Feststellung jetzt mal im ernst, ich weiß es nicht……….

    • Stefan Riße

      Der Gedanke ist tatsächlich charmant. Am Ende ist Geld nur Papier und die Politik muss nur eines erreichen, nämlich das die Menschen auf dieser Welt weiterhin jeden Morgen arbeiten gehen und die Güter herstellen, die wir brauchen. Doch durch einen generellen Schuldenerlass würde dieser Vorgang am Ende wohl doch gestört. Stellen Sie sich vor, alle Staatsanleihen würden nicht zurückgezahlt. Das würde bedeuten, dass auch die Altersvorsorge vieler Menschen, die durch Pensionsfonds oder Lebensversicherungen hier investiert ist, auf einmal weg wäre. Was würde diese Konsumenetn tun? Sie würden weniger ausgeben und neu sparen müssen. Aber würden sie das Geld noch einmal dem Staat leihen? Wohl nicht. Der, bräuchte er Kredite, könnte sich dann nicht mehr finanzieren und damit auch nicht Infrastruktur etc. . Wenn die Gläubiger nur Banken wären, dann würde ich zustimmen, aber die meisten Anleihen dieser Welt liegen letzten Endes bei den Sparern dieser Welt.
      Deshalb ist die Inflation ein so charmantes Mittel. Alles wird zurückbezahlt und der Verlust an Geld tritt schleichend ein, ohne dass die Leute es am Anfang merken. Wir sind mit den negativen Realzinsen ja bereits mitten in diesem Prozess!

      • machiavelli

        ….okay, aber ich meine hauptsächlich die ´virtuellen´ Beträge, also die per Mausklick geschaffenen. In den USA, in Japan, und auch in Europa. Vorher werden noch einmal schnell ein paar Billiönchen in Staatsanleihen ´investiert´, ja und dann, tritt das beschriebene Szenario ein. Die tatsächlichen Investoren, Privatpersonen, Lebensversicherungen, Staaten (China), werden natürlich ihre Forderungen nicht verlieren.

        Natrürlich wäre das eine Milchmädchenrechnung, eine Art free lunch, welches es ja bekanntlich nicht gibt. Aber ich kann mir nicht helfen, mir scheint dieses Problem so dermaßen vor die Wand gefahren, dass ich das Unmögliche für möglich halte. Etwas mokant geschrieben, frei nach dem Motto: “hey, wir haben nur gespielt, dass ist verdammt in die Hose gegangen. Nun machen wir es aber besser,” Und das gute daran. Die ´analogen` Menschen/Investoren bleiben Gläubiger, das virtuell erschaffene Geld, die virtuellen Forderungen werden einfach gelöscht. Genial einfach. Das das eine Art finanzieller/monetärer Anarchie wäre, ist mir schon klar. Aber in Zeiten wie diesen, halte ich alles für möglich. Und vielleicht sagen die Investoren sogar, dass ihre Forderungen nun sicherer sind. Vielleicht sollte ich einmal Ben, Jean-Claude, und …..Mist, den japanischen Zentralbanker kenne ich nicht, anrufen. In diesem Sinne……….

  • Herbert

    Hallo Herr Riße,

    vielen Dank für Ihren zweiten großartigen Artikel zu Griechenland und dem Euro Aspekt.

    Es wird häufig diskutiert, dass die schwachen Länder den Euroraum verlassen sollten. Die können aber anschließend nur schwer die Euroschulden abarbeiten, da die Währung abgewertet wird.
    Ein Ausscheiden macht für mich nur für starke Länder Sinn, wenn Deutschland austritt und die DM danach massiv aufwertet, relativieren sich in gleichem Maße unsere Schulden. Ein Jahrhundertgeschäft geradezu….! Unsere Staatsanleihen würden massiv profitieren.
    Aktien vermutlich auch, zumindest langfristig, denn die deutsche Wirtschaft konnte immer gut mit hohen, steigenden Wechselkursen arbeiten.

    Griechenland könnte das Schicksal für die Währungsunion werden. Wenn die Strukturanpassungen gelingen, es keine Verringerung der Geldmenge für die Menschen gibt und Europa Griechenland als Chance begreift, könnten wir enorm vorankommen.
    Es müssten die Potentiale Griechenlands erkannt werden und z.B. durch Eurobonds finanziert werden. Griechenland hat viel Sonne, also Solarprojekte fördern und Elektrofahrzeuge. Da hätte nicht nur Griechenland etwas davon.

    • Herbert

      Herr Schäuble regt an, Griechenland soll seine Sonnenstunden mehr nutzen, na da lag ich doch ganz gut.
      Jedenfalls freue ich mich, dass die Probleme mehr proaktiv betrachtet werden. Griechenland kann nicht nur sparen, es muss auch gefördert werden.
      Das gibt Hoffnung.

      • Stefan Riße

        Da haben Sie absolut recht!!!

  • doreen

    Euro-Krise: Lösbar oder nicht?
    Griechenland steht erneut am Rand des Bankrotts, wie ist das möglich, nach IWF- und EU-Krediten in Höhe von 110 Milliarden Euro?

    http://goo.gl/hGeCW

    • Stefan Riße

      Die wirtschaftliche Entwicklung war viel schlechter als erwartet. Es ist der Irrglaube in Deutschland, dass Haushaltskonsolidierung zu Wachstum führt. Das gegenteil ist natürlich der fall, vor allem wenn, wie in Griechenland, alle vom Staat leben.

  • Andreas Stix

    Hallo Herr Riße!

    Müsste die Inflation nicht in den Peripheriestaaten höher ausfallen damit diese gegenüber den Kernländern wettbewerbsfähiger werden?
    Sie schrieben, dass die argentinische Währung an den argentinischen Peso gebunden war. Ich denke Sie meinten hier den Dollar, oder?

    Halten Sie es für wahrscheinlich dass Griechenland zur Drachme zurückkehrt? Immerhin gibt es seit heute auch erstmals Anzeichen für ein Zerbrechen der griechischen Regierung. Damit entscheidet womöglich bald die Euro-skeptische Opposition. Es ist auch zu bezweifeln, dass die restlichen Euro-Staaten nochmal Geld für ein weiteres Hilfspaket zur Verfügung stellen. Hier regt sich immer mehr Widerstand. Die Anzeichen für eine schmerzhafte Ausweitung der Krise auf die Aktienmärkte verdichten sich meiner Meinung nach…

    • Stefan Riße

      Ersteinmal vielen Dank für den Hinweis auf den Fehler. Natürlich meinte ich den US-Dollar. Werde das gleich ändern. In dem anderen Punkt irren Sie. Wettbwerbsfähigkeit wird ja hergestellt, wenn die Produkte aus Spanien und Griechenland etc. günstiger im Verhältnis zu den deutschen werden. Das wäre der Fall, wenn die Inflationsraten bei uns höher wären. In Bezug auf die Krise gebe ich Ihnen recht, die Frage ist nur, wieviel die Aktienmärkte davon schon eingepreist haben. Momentan ist die Stimmung zumindest kurzfristig ziemlich mies. Das hält mich von Short-Spekulationen ab. Denke eher, dass wir mit einem Gap-Closing bei 6.985 ersteinmal eine Reaktion nach oben sehen.

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