Monatsarchiv: November 2011

Neubewertung des Aktienmarktes

Als ich Anfang Oktober am Aktienmarkt auf Optimismus umschaltete mit einem Kursziel von 6.300 Punkten im DAX, da hielten mir einige meiner Leser mit Blick auf die von mir immer wieder zitierten Stimmungsindikatoren entgegen, dass die Anlegerstimmung noch nicht die Tiefs der Lehman-Krise erreicht hätten, und insofern noch Abwärtspotenzial bestehe. Die Beobachtung war fraglos richtig, doch müssen für die Wende eines Marktes nicht immer Extremwerte erreicht werden. So einfach macht es uns der Markt und die Sentimentanalyse leider nicht, dass es einen Wert gibt, den der Anleger nur abzuwarten braucht, und es dann wieder automatisch nach oben geht. Wie extrem negativ die Stimmung sein muss, damit es wieder nach oben geht, hängt am Ende auch von der fundamentalen Situation ab. Gibt es keinen Anlass zur Sorge in Bezug auf die wirtschaftliche Zukunft oder irgendwelche politischen Entwicklungen, dann müssen keine Extremwerte erreicht werden, damit der Markt dreht. Es fehlt ganz einfach die Bedrohungslage, die eine derart depressive Stimmung rechtfertigen würde. Ist es aber umgekehrt, und fürchten die Anleger den totalen Zusammenbruch des Systems oder der Konjunktur, was im Anschluss an den Lehman-Crash zweifelsfrei der Fall war, dann muss die schiere Hoffnungslosigkeit eintreten, bevor sich sagen lässt: Die schlechten Nachrichten sind von den Kursen bereits eskomptiert.
Auf die aktuelle Situation angewendet, muss ich heute einsehen, dass die Bedrohungslage in der Eurozone dramatischer ist, als ich dies so schnell erwartet habe. Dass die Währungsunion zu einem Riesenproblem wird, habe ich bereits 2009 in meinem Buch „Die Inflation kommt!“ genau analysiert. Vor allem die immer wieder erwähnte Disparität in der Wettbewerbsfähigkeit machte und macht mir die größten Sorgen. Nur mein grundsätzlich – am Aktienmarkt leider oft zu frühes positives Denken -hatte mich hoffen lassen, dass mit dem Schuldenschnitt für Griechenland zunächst einmal Ruhe einkehren, und die Börse sich weiter erholen würde. Diese Einschätzung war vollkommen falsch. In der Tat hat sich die Situation in der Eurozone dramatisch zugespitzt. Als Riesenfehler erweisen sich vor allem die jetzt in Kraft tretenden höheren Eigenkapitalanforderungen für die Banken. Diese werden so quasi gezwungen, die Staatsanleihen aus der Eurozone auf den Markt zu werfen. Und die EZB hat kein unbegrenztes Mandat, diese aufzukaufen, weil Deutschland sich gegen die vollkommene Aufgabe der Stabilitätskultur stemmt. Zwar müssten die Anleihekäufe der EZB eigentlich positive Wirkung auf die Aktienmärkte haben, doch im Gegensatz zum Quantitative Easing der Federal Reserve werden diese durch Geldmarktoperationen neutralisiert. Diese Tatsache zusammen mit der Bilanzverkürzung der Banken macht es auch schwer einzuschätzen, ob der Faktor Liquidität tatsächlich so positiv zu bewerten ist, wie erhofft.
Das Fazit ist simpel: Vor dem Hintergrund der Nachrichtenlage und der nicht klar einzuschätzenden Liquiditätssituation, ist es durchaus möglich, dass eine Marktwende erst eintritt, wenn die Stimmungsindikatoren extrem negative Werte erreichen, die sie derzeit zweifelsfrei nicht aufweisen. Offenbar hatten doch viele Anleger auf eine Jahresendrallye gesetzt. Diese müssen jetzt raus und der Prozess ist wohl noch nicht abgeschlossen, wie auch eine mögliche Neubewertung der Situation durch langfristigere Investoren, die ebenfalls Bestände abbauen.

Ich wechsle damit nicht gleich ins Lager der Short-Spekulanten, habe meine Long-Positionen im DAX aber heute zur Eröffnung aufgelöst. Da ich damals bei 5.305 im DAX eingestiegen und Teile der pyramidisierten Position bei 6.250 glattgestellt habe, verbuche ich wenigstens noch ein Plus, wenn auch deutlich kleineres als erhofft.

Womöglich werde ich jetzt mit dieser Kolumne zu meinem besten eigenen Kontraindikator, und der Markt setzt noch heute oder in der kommenden Woche zu einer Erholungsrallye an. Doch das Risiko muss ich eingehen. André Kostolany riet, ein Börsenengagement sofort aufzulösen, wenn es einem eine schlaflose Nacht bereitet habe. Dem Ratschlag folge ich hiermit.

Geteilte Welt

„Liquidität + Psychologie = Tendenz“, so beschrieb Börsenaltmeister André Kostolany das Prinzip der Börse. Liquidität sei das Lebenselixier der Börse, so wie das Benzin für einen Motor. Ohne könne er nicht laufen. Doch die Anleger müssten auch bereit sein, Aktien zu kaufen, die Psychologie also müsse ebenfalls positiv sein, damit die Börse steigen könne.
Nur so ist zu erklären, warum die Wall Street gemessen am Stand des S6P 500 Index seit Jahresbeginn fast nichts verloren hat, während die Börsen der Schwellenländer alle deutlich im Minus liegen. Denn wäre die Börse wirklich ein Spiegel der jeweiligen fundamentalen Wirtschaftssituation, müsste es eigentlich umgekehrt sein. Während die USA ein Miniwachstum aufweisen und die Arbeitslosenrate bei knapp unter zehn Prozent verharrt, boomen die Schwellenländer mit Wachstumsraten von teilweise über zehn Prozent wie in China.
Es zeigt einmal mehr, dass der Faktor Liquidität für die kurz- bis mittelfristige Sicht viel entscheidender ist. Denn der Grund für die Widerstandskraft der Wall Street dürfte vor allem im ungehemmten Gelddrucken liegen – Stichwort Quantitative Easing.
In den Schwellenländern hingegen ist die Situation umgekehrt. Hier wuchsen Wirtschaft und Inflation zuletzt so stark, dass deren Notenbanken sich zu Zinserhöhungen gezwungen sahen.
Zwar liegt die Inflation in den alten Industrieländern auch zwischen drei und fünf Prozent, die Notenbanken, können dagegen aber nichts unternehmen, weil die Staaten, Konsumenten, Banken und auch manche Unternehmen so hoch verschuldet sind, dass Zinserhöhungen sofort eine Pleitewelle auslösen und die Volkswirtschaften in eine Rezession stürzen würde.
Unsere Welt ist damit vollkommen zweigeteilt. Auf der einen Seite die Schwellenländer mit moderater Verschuldung, bei denen normale Zinspolitik noch funktioniert und auf der anderen Seite die alten Industrieländer, die an der Billiggeld-Pulle hängen wie ein Alkoholiker. Doch die langfristige Börsentendenz wird immer noch von den Fundamentaldaten bestimmt und deshalb werden die Kurse diesen auch irgendwann Rechnung tragen. Alle Nachrichten, die auf eine Verlangsamung der Konjunktur in den Schwellenländern hindeuten, sind insofern gute Nachrichten, denn dann werden die dortigen Notenbanken die Zügel wieder lockern können und damit den Faktor Liquidität wieder auf positiv drehen.

Quelle: Sentix
Die Stimmung, die sich mit der mäßigen Börsentendenz erwartungsgemäß abgekühlt hat, dürfte dann ebenfalls drehen und liefert aus antizyklischer Sicht durchaus Anlass für Käufe auf dem heutigen Niveau. Vor allem Hongkong mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von acht, erscheint mir nach wie vor interessant.

Mehr von und über Stefan Riße erfahren Sie unter www.rissesblog.de
Stefan Riße, ist Portfolio Manager bei der Hanseatischen Portfolio Management in Hamburg. Bekannt ist er durch seine jahrelange Tätigkeit als Börsenkorrespondent für den Nachrichtensender N-TV. Sein aktuelles Buch „Die Inflation kommt“, belegte 2010 erste und zweite Plätze auf den bekannten Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten.

DAX und Gold zeigen relative Stärke

Nach schwacher Eröffnung hat sich der DAX heute Morgen wieder deutlich erholt, um dann wieder genauso schnell einzubrechen. Er ist damit wieder einmal ein Abbild des Euro-Kursverlaufes, wenngleich er – und dass ist das interessante- relative Stärke gegenüber dem Euro zeigt. Zum gestrigen Zeitpunkt notierte die Gemeinschaftswährung nämlich rund einen Cent höher bei diesem DAX-Stand. Beim Gold sieht es ähnlich aus. Auch das fällt nicht mehr groß, obwohl der Euro per Saldo in den vergangenen Tagen stark verloren hat. Das ist an sich ein gutes Zeichen, muss aber nicht zwingend bedeuten, dass die Kurse nur noch wenig fallen können. Häufig ist auch zu beobachten, dass ein Markt eine Zeit lang derartige relative Stärke zeigt, bei einer weiter anhaltenden Belastung, dann aber doch massiv einbricht. Insofern kommt dem Euro nun eine Schlüsselrolle für die Tendenz am Aktien- und Goldmarkt zu. Fällt er weiter, dann dürften beide irgendwann wieder kräftiger verlieren. Erholt er sich aber, dann sollte die Aufwärtsbewegung in beiden Märkten massiv sein. Denn ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass vor allem die Mehrheit der Aktienanleger völlig unterinvestiert ist. Nichtsdestotrotz muss man also die Richtung des Euros bestimmen, will man am Aktienmarkt richtig liegen. Und wie sieht es hier aus? Auch dieser zeigt ja relative Stärke gegenüber der Schuldenkrise. Wurden in der Griechenland-Krise im Frühjahr 2010 noch Kurse von unter 1,20 zum Dollar erreicht, hat er in dieser Krise, die ja viel bedrohlicher erscheint, bisher die 1,30 nicht unterschritten. Dennoch ist die Stimmung katastrophal schlecht und das schon seit Monaten. Das ist nur verständlich, weil die politische Situation geradezu ausweglos erscheint. Die immer weiter steigenden Zinsen für die Euro-Peripherie-Länder machen die Defizite insbesondere für Italien erst zum wirklichen Problem, weil die Refinanzierung unfinanzierbar wird. Verkäufer der Anleihen dürften vor allem die Banken sein, die quasi gezwungen werden, hier auszusteigen, weil sie schließlich ihre Eigenkapitalquote erhöhen sollen. Einzige Lösung wäre eine Vergemeinschaftung aller Schulden – also Eurobonds. Doch dagegen spricht bei aller Sympathie für Europa die Tatsache, dass es in einer Staatengemeinschaft aus souveränen Demokratien es in letzter Konsequenz keine Instanz gibt, die die einzelnen Staaten zwingen könnte, sich wirklich an Haushaltvorgaben zu halten. Brüssel hat am Ende kein Mittel, um dies durchzusetzen.


Quelle: Sentix

Auch ich muss zugeben, bei allem positiven Denken, das mir zu eigen ist, dass die Situation extrem schwierig und ausweglos erscheint. Und die Probleme werden uns mit Sicherheit auch immer wieder einholen. Doch es ist eben auch eine Tatsache, dass in dem Moment, wo alle Fakten dafür sprechen, dass es eigentlich nur noch eine Richtung geben kann, und dies auch allgemeiner Konsenz ist, ein Markt meistens am Wendepunkt steht. weiterlesen

Bald neue Rekordkurse im Gold?

Beim Goldpreis scheint es schon wieder nur noch eine Richtung zugeben, und zwar nach oben. Von 1.535 US-Dollar, dem Tiefstkurs der jüngsten Korrektur, hat sich der Feinunzenpreis wieder auf zwischenzeitlich 1.800 Dollar vorgearbeitet und notiert aktuell aufgrund des jüngsten Dollar-Anstieges gegenüber dem Euro rund 30 Dollar darunter.
Vor zweieinhalb Wochen habe ich an dieser Stelle beschrieben, dass der Goldpessimismus stark zugenommen habe und gemutmaßt, dass eine weitere Korrektur damit unwahrscheinlicher werde. Tatsächlich war diese Stimmungsverschlechterung bereits ein Kaufsignal. Die Frage ist nun, wie nachhaltig dieses bereist war, und ob der Goldpreis nun geradewegs weiter in Richtung dem alten All-Time-High bei 1921 US-Dollar steigt?
Was die Stimmungsindikatoren betrifft, hat der Optimismus mit dem jüngsten Preisanstieg wieder eindeutig zugenommen, von Verkaufssignalen kann jedoch keine Rede sein. So ist der die kurzfristig agierenden Anleger erfassende Hulbert Gold Newsletter Sentiment Index (HGNSI) zwar aus dem Minusbereich auf wieder + 27 Prozent gestiegen, gefährlicher Optimismus wäre aber erst zu vermelden, wenn Werte von über 60 Prozent erreicht würden. Ähnlich verhält es sich mit den Anlageberatern in den USA. Auch hier ist die Zuversicht gewachsen und zählt nach Werten von gut 50 Prozent wieder 67 Prozent Optimisten. Von 80 Prozent und mehr, wie wir es noch im September beim Erreichen der Höchststände beobachten konnten, sind wir jedoch weit entfernt.

Quelle: Finanzwoche

Die Gold ETFs erleben in diesen Tagen starke Zuflüsse. So meldete der mit Abstand größte Gold ETF SPDR Gold Trust allein am vergangenen Montag Zuflüsse von 10,6 Tonnen, laut einem Bericht der Commerzbank. Das klingt auf den ersten Blick positiv und erklärt womöglich den Anstieg der letzten Wochen, weil die Zuflüsse automatisch physische Goldkäufe auslösen, aus stimmungstechnischer Sicht ist es jedoch eher negativ zu bewerten. weiterlesen

Ist die Aktienanlage passé?

Im August 1979 erschien in der amerikanische „Business Week“ die Titelgeschichte „Der Tot der Aktie“ (Original: „The Death of Equties“). Über ein Jahrzehnt lang waren die Aktien per Saldo nicht gestiegen. Der Dow Jones bewegte sich in einer Bandbreite von rund 600 bis 1.000 Punkten. Die Zeiten waren schwierig. Vor allem nach der Ölkrise 1973 litt die westliche Welt unter dem Diktat der OPEC, die den Ölpreis immer weiter nach oben schraubte. Die Folge war Rezession bei gleichzeitiger Inflation, ein Phänomen, das man bis dahin gar nicht kannte und das fortan als „Stagflation“ bezeichnet wurde.
Wie so oft in der Geschichte war auch diese Titelgeschichte ein phantastischer Kontraindikator. Zwar dauerte es noch drei Jahre, dann aber begann mit der Amtsübernahme durch Ronald Reagan 1982 ein in der Geschichte unvergleichlicher Bullenmarkt.
Blicken wir heute zurück, dann sieht die Situation nicht viel besser aus. Seit März 2000, dem Ende der Jahrhunderthausse mit einem DAX von über 8.000 Punkten, war für Anleger nichts zu gewinnen. Zwar erreichte er diesen Stand 2007 wieder, durch die Lehman-Krise wurden die Gewinne jedoch wieder zunichte gemacht, genauso wie die der anschließenden Erholung durch den jüngsten Absturz im August und September dieses Jahres. Inflationsbereinigt haben Aktienanleger in Deutschland in den vergangenen elfeinhalb Jahren mehr als ein Drittel ihres Vermögens eingebüßt.

Es wundert daher nicht, dass die deutschen Privatanleger, die Aktie mental schon lange zu Grabe getragen haben. Die Aktionärszahlen und auch die Zahl der Aktienfondsbesitzer macht dies deutlich. Seit 2000 fallen sie kontinuierlich und haben sich mittlerweile fast halbiert. Die Deutschen waren nie ein Volk der Aktionäre. Nur etwas für Spekulanten, aber keine seriöse Geldanlage, war die verbreitete Meinung. Erst die von der teuersten Werbekampagne der deutschen Geschichte begleitete Emission der Telekom-Aktie im Jahr 1996 und der dann folgenden Boom bei Technologieaktien machte ihnen plötzlichen Appetit auf die vermeintlichen Risikopapiere. Doch der dann folgende Absturz bestätigte so eindeutig die zuvor gehegten Vorurteile, dass die Aktienverdrossenheit heute größer ist, denn je.


Quelle: DAI

Bedeutet dies nun, dass wir aus antizyklischer Sicht wieder vor einer neuen Jahrhunderthausse stehen wie einst 1979? Wohl nicht. Die Ausgangssituation könnte wohl unterschiedlicher nicht sein. weiterlesen

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