2012 – Ein Jahr der Aktie?

Viele Anleger glauben, dass 2012 ein Schicksalsjahr wird, weil sich zeigen werde, ob der Euro überlebt, oder ob er und mit ihm auch die Aktien unter dem Druck des Marktes zusammenbrechen.
Abgesehen davon, dass man allein aus antizyklischer Sicht schon skeptisch gegenüber dieser Einschätzung sein sollte, wenn sie von weiten Teilen der Marktteilnehmer vertreten wird, sehe ich auch keine Logik in dieser Weissagung. Sie zeigt einmal mehr, wie stark sich die Marktteilnehmer dem Markt in ihrer Auffassung anpassen, je länger dieser einem gewissen Muster folgt. Die immer wiederkehrenden Kursverluste im Zuge der von Mal zu Mal weiter nach oben schießenden Zinsen für die Anleihen der Peripherieländer, haben die Investoren zermürbt und den Eindruck hinterlassen, dass sich das Schicksal des Euros nun bald entscheiden werde.

Tatsächlich spricht nicht viel für eine finale Entscheidungsschlacht in der Eurokrise im Jahr 2012. Anleger verhalten sich nicht rational und Märkte damit auch nicht.
Es ist kaum anzunehmen, dass die europäische Politik sich bereits in wenigen Monaten von ihren jüngsten Positionen verabschieden wird. Auch die Bundesregierung, die im Fall von Griechenland die Umschuldung unter Beteiligung der privaten Gläubiger durchgesetzt hatte, betonte zuletzt, dass dies aufgrund der besonderen Situation der Hellenen eine Ausnahme bleiben werde. Und die Allmacht des Marktes sollte nicht überschätzt werden. Zwar müssen die Eurostaaten im kommenden Jahr 1,8 Billionen und auch die europäischen Banken mehrere hundert Milliarden Euro refinanzieren, die Europäische Zentralbank (EZB) kann dieses Problem aber relativ leicht aus der Welt schaffen, indem sie Banken für einen längeren Zeitraum Kredite zu einem günstigen gewährt, wie sie dies zuletzt mit einen dreijährigen Tendergeschäft getan hat. Außerdem kann sie auch weiterhin Staatsanleihen der Peripherieländer aufkaufen und damit stützend ins Marktgeschehen eingreifen.
Andererseits ist aber auch nicht mit einer finalen Lösung der Euro-Krise zu rechnen. Die EZB wird keine Vollkaskohaftung für die in Schwierigkeiten befindlichen Ländern übernehmen. Das wird Deutschland als Hauptzahlmeister nicht zulassen. Auch ist mit einer schnellen wirtschaftlichen Gesundung Italiens, Portugal, Spaniens und Griechenlands nicht zu rechnen. Die Sparmaßnahmen werden das Wachstum bremsen, wenn nicht sogar in eine Rezession führen. Ob, die Eurozone wirklich in ihrer heutigen Form überleben wird, ist noch längst nicht entschieden. Alles hängt davon ab, ob die Problemländer wieder Wettbewerbsfähigkeit erlangen und ob wir Deutschen ihnen dazu die Chance lassen. Zur Entscheidungsschlacht wird es kommen, wenn die Sparmaßnahmen über einen längeren Zeitraum ihre volle Wirkung entfalten und die Bürger unter dem Eindruck der hiermit verbundenen Entbehrungen zur Wahlurne gebeten werden. Entledigen sie sich der von Brüssel zur Etatdisziplin verpflichteten Regierung, und ersetzen sie sie durch eine, die sich an die Sparzusagen nicht gebunden fühlt, steht der Euro ernsthaft auf dem Spiel. Doch 2012 ist das kein Thema.
Nichtsdestotrotz könnten Dividendenpapiere auch ohne eine endgültige Lösung in der Eurofrage im kommenden Jahr eine gute Anlage sein. Dass Aktien von Herbst 2010 bis zum Sommer 2011 kräftig stiegen, obwohl die Griechenlandkrise bereits im Mai 2010 ausbrach, und es auch da keine klare Lösung gab, haben viele offenbar schon wieder vergessen. Der Einfluss der Eurokrise auf die Aktienkurse wird weit überschätzt. Am Ende hängt es davon ab, ob es – wie André Kostolany es sagte – mehr Dummköpfe als Papiere oder mehr Papiere als Dummköpfe gibt. Und im kommenden Jahr könnte das Verhältnis zugunsten der Dummköpfe ausfallen. Langlaufende Staatsanleihen sicherer Schuldner bringen mehr als ein Prozent Verzinsung weniger als noch vor einem Jahr. Das war immer einer der stärkste Antriebsfaktoren für steigende Aktienkurse. Staatsfonds aus dem arabischen Raum, wie aber auch aus China haben prall gefüllte Kassen und wollen sich in große Unternehmen einkaufen. Und die Nachrichten, könnten insbesondere für deutsche Aktien besser ausfallen als bisher erwartet. Zuletzt ist der Ifo-Geschäftsklimaindex überraschend zweimal gestiegen. Der Export in Richtung der Schwellenländer, wird selbst bei dort rückläufigem Wachstum weiter zulegen und gleicht möglicherweise die zu erwartenden Export-Rückgänge in die Eurozone zumindest teilweise aus. Auch die Verbraucher hierzulande lassen sich die Stimmung derzeit nicht vermiesen, wie die Umfragen zeigen.
Gerade weil es derzeit schwer vorstellbar erscheint, könnte 2012 ein Jahr der Aktie werden.

  • http://www.oled.at Erich Strasser

    Hallo Herr Riße,
    Echt ein toller Blog, ich habe mein Investment in Risikoklassen eingeteilt und investiere seit 1 Jahr jeden Monat. Ich hoffe das es bald bergauf gehen wird.

  • ging

    Sehr geehrter Herr Riße,
    ich freue mich das ich diesen Blog und damit auch Sie wiederentdeckt habe, schätzte ihre persönliche sachliche Art der Börsen-Berichterstattung auf n-tv sehr.

    Man konnte jetzt lesen das vor kurzen Anleger dänischer und nun auch deutscher Anleihen , bereits negative Zinsen hinnehmen , nur um Geld “sicher ” anzulegen , also Geldanlage “ad absurdum” betreiben. Wie interpretieren Sie diesen Sachverhalt?
    Sind wir jetzt vielleicht an dem Punkt im Ei des Kostolanys angelangt, an dem die Sache kippt, also an sich jetzt eine Form der höchsten Übertreibung annimmt und sich bald die Gewichte in andere Assets speziell Aktien (die derzeit nicht teuer scheinen) , in einen Run -also in eine explosive Kurssteigerung -. verschieben können? Würde Kostolany jetzt Aktien kaufen oder eher noch abwarten???

    Danke aus Zwickau

    • Stefan Riße

      Ich glaube, er würde kaufen. Eine explosionsartige Aufwärtsbewegung ist durchaus möglich, warum an auch engagiert sein sollte.

  • Maik Schädlich

    Sehr geehrter Herr Riße,
    seit 1/2 Jahr hausiert eine Firma Dubli auf dem Markt und verkauft ausserbörslich Aktien einer ” platten AG ” …medg…
    Angeblich wollen die Truppenteile dieses Jahr an die NASDAQ aber fundamental stinkt es an allen Ecken und Enden.
    Können Sie sich KURZ mal zu diesen (medg)-Aktien äussern.

    Vielen Dank…Maik Schädlich

    • Stefan Riße

      Das müsste ich mir genauer anschauen. Können Sie mir da mal einen Internetlink zusenden.

  • sigillus

    Dass es mal wieder zu einer Aktienerholung im DAX, Euro Stoxx etc. kommen wird, daran kann im Grunde niemand einen Zweifel haben. die Geldschleusen sind geöffnet, es gibt stets neue subtile Wege die Geldmenge wachsen zu lassen ohne die Bevölkerung massiv zu beunruhigen.

    Wunderlich ist, dass dieses viele Geld im Finanzsystem gebunden bleibt.
    Was würde passieren wenn alle jene dubiosen Geschäfte abgewickelt und bereinigt würden ? Hyperinflation über Nacht ? NEIN! Milch etwa würde kaum teurer.
    Nur Preisanstiege in den Anlagewerten (Immob., Aktien, Anleihen, Rohstoffe) wäre die vermutliche Konsequenz.
    Ein Wunder, oder die Traumatisierung durch die Erfahrungen vor 10 Jahren, dass dies noch nicht für Aktien geschah.
    Weiterhin bleibt das globale Wettabwerten erhalten was in Konsequenz
    die Geldmenge weiter blähen muss.
    Gewiss wäre es cleverer Aktien ausserhalb der Eurozone zu kaufen. Etwa auch russische. Da hat man zwar Angst vor oligarchentreuen
    selbstbedienerischen CEOs, doch die muss unbegründet sein.
    Die Unterschiede zu unserem Geerkeens-Land sind allenfalls marginal.

  • Michael Ruff

    Hallo Herr Riße,

    für mich besteht die größte Gefahr letztendlich an der Wahlurne. Die radikalen Gruppierungen haben immer mehr Zulauf, das wird durch die “Euro-“Krise sicher nicht besser. Letzendlich wird nicht die Ökonomie den Tod der Euro-Zone heraufbeschwören, sondern die Rattenfänger und deren Gefolge!

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