Gefährlicher Zinskonsens

ZinsenEs kommt nicht so oft vor, dass die Stimmung an einem Finanzmarkt ganz polarisiert positiv oder negativ ist. Die meiste Zeit ist die Anlegergemeinde uneins und teilt sich relativ hälftig in Optimisten und Pessimisten. Oder die verschiedenen Stimmungsindikatoren geben widersprüchliche Signale.

Es gleicht aus Sicht des eingefleischten Antizyklikers daher einem Geschenk des Himmels, wenn es zu einem Markt keinerlei widersprüchliche Signale mehr gibt, wenn also alle das gleiche entweder optimistische oder pessimistische Bild zeichnen.
Derzeit lässt sich dies für die Anleihemärkte sagen. Unisono sind sich Investoren, Analysten und Volkswirte einig: Nach dem Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA, aber auch an den Anleihemärkten Europas und der Schwellenländer, ist die Zinswende vollzogen. Nach mehr als drei Jahrzehnten sinkender Zinsen, in denen in den USA der Leitzins von über 18 auf Null und die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von 16 auf unter zwei Prozent fiel, soll sich der Trend nun umgekehrt haben. Das klingt auf den ersten Blick plausibel, weniger als Null geht ja nicht und die zehnjährigen Zinsen lagen zeitweise sogar schon unter der Inflationsrate.
Dieser Pessimismus für Anleihen kommt auch in einem selten gesehenem Gleichklang in den quantitativen Stimmungsindikatoren zum Ausdruck. So gibt es unter den US-Anlagestrategen seit nunmehr 11 Wochen nur noch jeweils gut 20 Prozent Optimisten für Anleihen, und die vom Hulbert Bond Newsletter Sentiment Index (HBNSI) erfassten Börsenbriefe legen ihren Lesern seit Mai Short-Positionen nahe. Das ganz lässt sich noch ergänzen durch die ebenfalls seit Wochen anhaltenden Mittel-Rückflüssen aus Anleihefonds.

Bonds Consensus

Gibt es einen solchen Konsens, dann liegt aus stimmungstechnischer Sicht zunächst einmal eine gegenteilige Bewegung, also eine deutliche Korrektur des vorliegenden Trends in der Luft. Wer aus Anleihen noch aussteigen, oder es sogar spekulativ auf der Short-Seite versuchen will, sollte daher zunächst die Korrektur abwarten. Aus meiner Sicht stellt sich aber die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, auf weiter steigenden Zinsen zu setzen. Auslöser des Zinsanstieges war die Ankündigung der US-Notenbank, sukzessive ihre Anleihekäufe zurück zu fahren. Nüchtern betrachtet gibt diese Meldung einen starken Zinsanstieg überhaupt nicht her. Von rund 80 auf zunächst wohl 60 Milliarden sollen die Käufe nur reduziert werden. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass die vorherigen Programme – Quantitative Easing 1 und 2 – abrupt endeten. Ob es dazu überhaupt kommen wird, ist aber noch keineswegs sicher. Die zuletzt weltweit leicht verbesserten Konjunkturdaten lassen eine leichte Belebung, aber ganz sicher kein rasantes Wachstum erwarten. Wegen mangelnden Investitionen stellt sich die Frage, wie nachhaltig der Aufschwung überhaupt sein kann und ob er zu mehr Beschäftigung führen wird. Vor allem ist davon auszugehen, dass der US-Notenbankchef Ben Bernanke einen weiteren Zinsanstieg am langen Ende keinesfalls zulassen wird. Die dadurch bereits deutlich gestiegenen Hypothekenzinsen haben beim Absatz neuer Immobilien zuletzt schon deutlich negative Spuren hinterlassen. Und es darf nicht vergessen werden, dass die US-Konjunktur massiv vom Immobilienmarkt abhängig ist.
Fazit: Das Potenzial für weiter steigende Zinsen erscheint begrenzt, eine nur leichte Eintrübung der Konjunkturdaten könnte hingegen einen deutlichen Rutsch bei den Renditen auslösen und die in den vergangenen Jahren schon so oft ausgerufenen Zinswende abermals verschieben.

  • PSRF

    Hallo Herr Riße,

    obwohl der als restriktiver eingestufte Herr Summers nicht mehr kandidiert, sind die Zinsen der 10J US Anleihen nur marginal zurückgegangen.

    Eine Erklärung sind wohl die Erwartungshaltungen für die Zukunft und da denkt man offenbar über die Zeit des QE3 hinaus.

    Einen interessanten Artikel dazu stammt von Christina Romer, sie war (von 2008 ?) Vorsitzende des Council of Economic Advisers von US-Präsident Barack Obama.
    Dieses Amt hat sie am 3. September 2010 niedergelegt.

    Sie hat sich intensiv mit dem amerikanischen Trauma der großen Depression beschäftigt und zieht im Grunde Vergleiche zur jüngeren Zukunft.

    http://elsa.berkeley.edu/~cromer/It%20Takes%20a%20Regime%20Shift%20Written%20(Second%20Revision).pdf

  • Torsten Fries

    Sehe ich ähnlich, wäre da nicht der Zinsunterschied zwischen USA und Deutschland: 10 jährige US Bond knapp 3%, Deutschland knapp 2%, bei jeweils 2% Inflation, macht für die USA einen Plus von 1%, da muss unser Finanzminister aber noch was zugeben, um in Zukunft seine Anleihen unter das Volk zu bringen!

  • Ludwig Brunner

    Stimmungsindikatoren geben in aller Regel die Positionierung von Marktteilnehmern wi(e)der.
    Meist nur eine entsprechende Verstärkung der fundamentalen Daten lässt diese Indikatoren nicht kontradiktorisch fungieren.

    Aktienkäufe spekulativer Natur werden meist nicht langfristig zu höheren Kosten finanziert, sondern schon eher zu günstigeren Konditionen auf der kurzfristigeren Ebene.
    Insofern erwarte ich von dieser Kosten-Komponente einen geringeren Einfluss auf die weitergehende Aktienpreisentwicklung als vom Risiko-Management bei unerwartet stark fallenden Preisen.

  • PSRF

    Hallo Herr Riße,

    Larry Summers soll wohl doch Nachfolger von Herrn Bernanke werden.
    Quelle:
    http://www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/nikkei-summers-soll-neuer-chef-der-us-notenbank-werden_aid_1099777.html

    Gerüchte sagen, dass der Anstieg der langfristigen Zinsen wohl auch damit zusammenhängen soll…
    Herr Summers soll wohl die Möglichkeiten der Geldpolitik im Falle eine “Liquiditätsfalle” für begrenzt halten und ob Bernanke wirklich in den letzten Amtsmonaten nochmal zum großen Schlag gegen die anziehenden Zinsen ausholen wird ist auch fraglich. So klar ist die gesellschaftliche Unterstützung der Fed am Ende auch nicht.
    Es könnte also erst einmal knirschen in den nächsten Monaten, bis ein neuer Weg gefunden wird.
    Alles nur eine Meinung bzw. Vermutung.

    • PSRF

      1:0 für Sie Herr Riße!
      Summers ist lt. Handelsblatt von seiner Kandidatur zurückgetreten.

  • PSRF

    Hallo Herr Riße,
    -wie ist das Niveau der Aktienkäufe auf Kredit in den USA und wie wirken sich die gegenwärtig etwas höheren Anleihezinsen hier aus?
    -Wenn ich es richtig verstanden habe, wollten die Teilnehmer des letzten G20 Gipfels, dass die USA nicht so schnell, bzw. nur mit Vorsicht (oder so ähnlich) aus den Anleihekäufen aussteigen sollen, weil die Gefahr besteht, dass Geld aus den Schwellenländern abgezogen wird und die Wirtschaftsleistung dort geschwächt wird.
    Das müsste die Anleihezinsen m.E. ebenfalls stützen.

    • Stefan Riße

      Die Aktienkredite sind wieder sehr hoch. Ansonsten ist Ihre Einschätzung ganz richtig. Die Schwellenländer sind hier auch zu beachten.

  • RS

    Es stimmt, dass die Stimmung sehr negativ für Bonds ist. Allerdings ist eine negative Stimmung nur dann ein Einstiegssignal, wenn die Preise auch entsprechend günstig (billig) sind. Da die Bond-Märkte aber von den Notenbanken manipuliert werden, werden die Preise wohl noch nicht so niedrig sein, wie sie ohne Manipulation der Notenbanken wären. Der Bond-Markt wird also zur Zeit stark von den Notenbanken bestimmt und weniger stark von anderen Investoren. Folglich ist deren Stimmung auch weniger relevant.

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